UI Design Trends im Check: Neumorphism

UI Design Trends im Check: Neumorphism

Die sanften, schatten-basierten Oberflächen von Neumorphism kehren 2025 zurück – aber diesmal mit deutlich höherem Kontrast und bewusstem Fokus auf Barrierefreiheit.

Portrait von Elias Rischer, Autor dieses Artikels

Veröffentlicht am

Elias Rischer

Modernes UI Interface mit subtilen Schatten und weichen Übergängen

Neumorphism (auch "Newmorphism" oder "Soft UI" genannt) war einer der umstrittensten Interface-Trends der letzten Jahre. Nach seinem ersten Hype um 2020 verschwand er fast genauso schnell wieder von der Bildfläche – hauptsächlich wegen gravierender Probleme bei der Zugänglichkeit. Jetzt, 2025, erlebt der Stil jedoch ein bemerkenswertes Comeback, allerdings in einer deutlich gereifteren Form.

Was ist Neumorphism eigentlich?

Neumorphism ist ein Design-Ansatz, der Elemente durch subtile Schatten und Highlights so wirken lässt, als würden sie leicht aus der Oberfläche hervortreten oder in sie eingedrückt sein. Der Name setzt sich aus "New" und "Skeuomorphism" zusammen und beschreibt damit eine moderne Variante des skeuomorphen Designs.

Der Stil zeichnet sich durch folgende charakteristische Merkmale aus:

Minimalistische Farbpaletten: Meist monochrome oder sehr ähnliche Farbtöne in hellen Nuancen

Weiche Schatten: Sowohl äußere Schatten (für erhabene Elemente) als auch innere Schatten (für eingedrückte Bereiche)

Subtile Kontraste: Sehr sanfte Übergänge zwischen Elementen und Hintergrund

Organische Formen: Abgerundete Ecken und weiche Geometrien dominieren

"Neumorphism trades usability for aesthetic novelty", warnte bereits 2020 ein kritischer Artikel auf UX Design.

Warum Neumorphism problematisch war

Die erste Welle des Neumorphism-Trends scheiterte nicht ohne Grund. Wie UX Design berichtete, brachte der Stil fundamentale Probleme mit sich, die ihn für viele Anwendungsfälle unbrauchbar machten.

Kontrast-Probleme

Das größte Problem war der bewusst niedrige Kontrast. Die charakteristischen sanften Schatten und blassen Hintergründe führten dazu, dass viele Interfaces die WCAG-Richtlinien für Barrierefreiheit nicht erfüllten. Buttons verschmolzen optisch mit dem Hintergrund, Text wurde schwer lesbar und interaktive Elemente waren kaum noch als solche erkennbar.

Fehlende Affordanzen

Affordanzen sind visuelle Hinweise, die Nutzern zeigen, womit sie interagieren können. Laut Built In versagten viele neumorphe Designs dabei völlig: Buttons sahen aus wie dekorative Elemente, Eingabefelder waren nicht von normalen Flächen zu unterscheiden, und verschiedene Zustände (aktiv, inaktiv, fokussiert) waren optisch kaum differenzierbar.

Probleme für Benutzer mit Sehbeeinträchtigungen

Menschen mit Sehbeeinträchtigungen oder altersbedingten Sehproblemen hatten besondere Schwierigkeiten mit neumorphen Interfaces. Die subtilen visuellen Hinweise, auf die der Stil angewiesen war, gingen für diese Nutzergruppen völlig verloren.

Neumorphism 2.0 – Die Rückkehr mit Verstand

2025 kehrt Neumorphism zurück, aber in einer deutlich durchdachteren Form. Webflow beschreibt in ihrer aktuellen Analyse, wie Designer die Learnings der letzten Jahre aufgegriffen haben.

Höhere Kontraste

Die neue Generation neumorpher Designs setzt auf deutlich stärkere Kontraste. Statt auf blasse Pastelltöne zu setzen, verwenden Designer heute kräftigere Schatten und klarere Abgrenzungen zwischen Elementen.

Hybride Ansätze

Moderne neumorphe Interfaces kombinieren den weichen Look mit bewährten UI-Patterns. Buttons erhalten zusätzlich zu den charakteristischen Schatten auch sichtbare Ränder. Formulare nutzen klare Labels statt nur Platzhaltertext. Und wichtige Aktionen werden mit höheren Kontrasten und deutlicheren visuellen Hinweisen hervorgehoben.

Selektive Anwendung

Statt ganze Interfaces im neumorphen Stil zu gestalten, setzen Designer den Look heute gezielt ein – für Karten, Toggles oder sekundäre Oberflächen, während kritische Bedienelemente weiterhin auf bewährte, hochkontrastige Gestaltung setzen.

Vergleich zwischen altem und neuem Neumorphism-Design

Praktische Umsetzung: So geht's richtig

Wenn du Neumorphism in deinen Projekten einsetzen möchtest, solltest du einige wichtige Prinzipien beachten. Clay Global hat dazu einen ausführlichen Leitfaden veröffentlicht, der zeigt, wie der Stil verantwortungsvoll eingesetzt werden kann.

Kontrast-Richtlinien einhalten

Achte darauf, dass alle Texte und interaktiven Elemente die WCAG 2.1 AA-Richtlinien erfüllen:

Normaler Text: Mindestens 4,5:1 Kontrastverhältnis zum Hintergrund

Großer Text: Mindestens 3:1 Kontrastverhältnis

Interactive Elemente: Grenzen und Zustände müssen klar unterscheidbar sein

Explizite Affordanzen hinzufügen

Verlasse dich nicht nur auf Schatten, um Interaktivität zu signalisieren:

.button {
  border: 1px solid rgba(10, 37, 64, 0.25);
  background: linear-gradient(180deg, #eef3f8, #e6ebf2);
  box-shadow: 
    6px 6px 12px rgba(10, 37, 64, 0.18),
    -6px -6px 12px rgba(255, 255, 255, 0.9);
}

.button:focus-visible {
  outline: 3px solid #ffb700;
  outline-offset: 3px;
}

Zustände klar differenzieren

Verschiedene Interaktionszustände müssen auch ohne Farbe erkennbar sein. Nutze dafür nicht nur veränderte Schatten, sondern auch Transformationen, Farbwechsel oder zusätzliche visuelle Elemente.

Zustand Visuelle Merkmale CSS-Eigenschaften
Standard Erhabene Schatten box-shadow: outer
Hover Leicht aufgehellt background + transform
Active Eingedrückt box-shadow: inset
Focus Deutlicher Fokusring outline mit hohem Kontrast

Wo Neumorphism 2025 funktioniert

Nicht jeder Anwendungsfall ist für neumorphe Gestaltung geeignet. UI Design Z fasst zusammen, wo der Stil heute erfolgreich eingesetzt wird.

Marketing-Websites

Auf Unternehmenswebsites kann Neumorphism eine moderne, premium wirkende Atmosphäre schaffen. Hier steht Ästhetik im Vordergrund, und die Interaktionen sind meist einfach und vorhersagbar.

Dashboard-Elemente

Für sekundäre Karten, Widgets oder Informationsblöcke in Dashboards eignet sich der weiche Look gut. Wichtig ist, dass kritische Steuerelemente weiterhin hochkontrastig gestaltet bleiben.

Mobile Apps (begrenzt)

In mobilen Anwendungen kann Neumorphism bei größeren Touch-Targets und nicht-kritischen Bereichen funktionieren. Die größeren Bildschirme moderner Smartphones helfen dabei, Kontrastprobleme zu reduzieren.

Wo du vorsichtig sein solltest

Vermeide neumorphe Gestaltung bei:

Formularen und Eingabefeldern: Hier ist Klarheit wichtiger als Ästhetik

Navigationselementen: Nutzer müssen sofort erkennen können, wo sie klicken können

Kritischen Aktionen: Lösch-Buttons, Bestätigungen oder Bezahlvorgänge brauchen eindeutige Signale

Datenreichen Interfaces: In komplexen Enterprise-Anwendungen steht Scanbarkeit über Optik

Tools und Ressourcen für die Umsetzung

Für die praktische Arbeit mit Neumorphism stehen dir verschiedene Tools zur Verfügung:

Design-Tools

Figma, Adobe XD und Sketch unterstützen alle die charakteristischen weichen Schatten des Neumorphism. Viele Design-Teams erstellen erst dort Prototypen, bevor sie die Designs für die Entwicklung aufbereiten.

CSS-Generatoren

Online-Tools wie "Neumorphism.io" oder "Soft UI CSS Generator" helfen dabei, die richtigen Schattenwerte zu finden und direkt verwendbaren CSS-Code zu generieren.

Accessibility-Tools

Nutze Kontrast-Checker wie WebAIM oder die integrierten Tools in Chrome DevTools, um sicherzustellen, dass deine neumorphen Designs die WCAG-Richtlinien erfüllen.

Screenshot eines Accessibility-Testing-Tools
Regelmäßige Accessibility-Tests sind bei neumorphen Designs besonders wichtig

Die Zukunft des weichen Designs

Neumorphism hat aus seinen Fehlern gelernt. Die neue, kontrastreichere und barrierefreundlichere Version des Stils zeigt, dass auch problematische Design-Trends evolieren können, wenn die Community konstruktiv mit Kritik umgeht.

Für 2025 bedeutet das: Neumorphism ist wieder eine Option – aber nur, wenn du es bewusst und verantwortungsvoll einsetzt. Der Schlüssel liegt darin, die ästhetischen Qualitäten des Stils zu nutzen, ohne dabei Usability und Accessibility zu opfern.

Kombiniert mit anderen modernen UI-Trends wie Glassmorphism oder adaptiven Interfaces kann Neumorphism durchaus seinen Platz in zeitgemäßen Design-Systemen finden. Wichtig ist, dass du dabei immer deine Nutzer im Blick behältst und nie Optik über Funktionalität stellst.

Die Design-Community hat gezeigt, dass sie lernfähig ist. Neumorphism 2.0 ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Trends weiterentwickeln können, wenn Designer bereit sind, ehrliches Feedback anzunehmen und ihre Ansätze entsprechend anzupassen.

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